Überall zuhause – Die Verbreitung von Parkour

4 Minuten Lesezeit

Parkour bewirbt sich um die Anerkennung als UNESCO Immaterielles Kulturerbe. Diese Beitragsreihe stellt nach und nach Aspekte der offiziellen Bewerbung vor – nicht als Dokument, sondern als das, was Parkour wirklich ist: gelebte Praxis, geteilte Werte, lebendige Gemeinschaft. Dieser Beitrag widmet sich der geografischen Verbreitung von Parkour – und der Frage, was es bedeutet, wenn eine Kulturform keinen festen Ort braucht, um zuhause zu sein.

Kein fester Ort. Überall.

Ein Reihe von Geländern in Dresden. Eine Mauer in Hamburg. Ein Platz in Berlin voller Wippen. Parkour kann man überall trainieren, unabhängig wie groß oder klein ein Ort ist. Man passt sich an die Gegebenheiten vor Ort an, nicht umgekehrt. Wir nutzen unsere Umgebung so wie sie ist.

Wenn wir die geografische Verbreitung von Parkour beschreiben wollen, lässt sich das inzwischen sehr schwer eingrenzen. Eben weil Parkour weltweit verbreitet ist.

Inzwischen findet man in vielen kleinen und großen Städten in Deutschland Parkour Gruppen, Vereine, Trainer die unsere Kultur weitergeben. Man findet gemeinschaftlichte Karten von Trainingsorten und öffentliche Treffen zum gemeinsamen Training. Aus Frankreich hat sich Parkour bundesweit verbreitet. Jeder kann vor der eigenen Haustür anfangen Parkour zu trainieren und findet durch die digitale Vernetzung schnell Gleichgesinnte die mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Wir beleben Räume

Die meisten Kulturgüter haben einen Ort. Ein Gebäude, das man schützt. Eine Landschaft, die man bewahrt. Eine Tradition, die an ein Dorf, eine Region, eine Bühne gebunden ist.

Parkour ist anders. Es ist nicht an einen Ort gebunden. Seinen Ursprung hat es in den Vorstädten von Paris – in Lisses, in Évry und den Wäldern von Fontainebleau. Von dort ist es weitergegangen. Über Grenzen, Sprachen, Kontinente. Es war weniger ein bestimmter Ort, der unsere Kultur geprägt hat, als vielmehr die Menschen, die gemeinsam etwas einzigartiges geschaffen haben, was genau so an ganz anderen Orten praktiziert werden kann.

Was bedeutet das für ein Kulturerbe? Es bedeutet, dass der Ort nicht das Entscheidende ist. Was zählt, ist die Praxis. Die Art, wie wir einen Ort lesen lernen. Wie wir in einer fremden Stadt stehen und sofort sehen: dort, die Kante – diese Wand, der Abstand. Dieser Blick ist kulturell. Er ist erlernbar. Und er ist übertragbar.

Nicht der Ort macht Parkour zu dem, was es ist. Sondern die Menschen, die ihn anders sehen, sobald sie beginnen, sich zu bewegen.

Parkour ist nicht auf einen Ort begrenzt. Es macht jeden Ort lebendig.

Zwischen Beton und Himmel – dieselbe Sprache.

Wer schon einmal in einer fremden Stadt trainiert hat, kennt dieses Gefühl. Man kommt an einem Ort an, den man nicht kennt. Und trotzdem weiss man, wie man sich dort bewegen kann. Die Sprache ist dieselbe. Der Rhythmus ist vertraut. Das Vertrauen entsteht nicht durch Worte, sondern durch die geteilte Praxis.

Wenn man eine neue Trainingsgruppe kennenlernt funktioniert das genau so. Man erkundet gemeinsam die Möglichkeiten eine Spots, des Trainingsortes. Man sieht Möglichkeiten wo andere nur Mauern und Geländer wahrnehmen. Versteht fast intuitiv welche Wege möglich sind. Und doch bringt immer jeder seinen eigenen Blickwinkel mit, bringt neue Ideen und füllt auch altbekannte Spots mit neuem Leben

Das ist keine Magie. Das ist Kultur, verbunden durch eine gemeinsame Identität und Philosophie.

Parkour kennt keine Grenzen

Wenn Parkour bundesweit auf öffentlichen Plätzen, in Parks, an Schulhöfen, in Parkour-Parks und zwischen all den Wänden und Treppen der Alltagsarchitektur praktiziert wird – dann ist das kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Gemeinschaft, die ihren Wert nicht in Exklusivität sucht, sondern in Zugänglichkeit.

Überall bedeutet: für alle. Keine Zugangsvoraussetzung, keine Leistung oder Werkzeug, das man mitbringen muss. Man braucht seinen Körper, Neugier und die Bereitschaft mit offenen Augen seine Umgebung wahrzunehmen. Der Rest kommt von allein – oder genauer: er kommt von denen, die schon da sind und weitergeben, was sie selbst gelernt haben.

Das ist die stille Grösse dieser geografischen Streuung. Parkour braucht keine Bühne, keinen bestimmten Ort. Überall kann man Parkour trainieren und erleben. Man muss nur den Sprung wagen.

Wer den vollständigen Bewerbungstext lesen möchte, findet ihn auf unserer Website: Parkour als Immaterielles Kulturerbe

ONE for all – All for ONE

Text von Jonas Jung
Bilder von Minh Vu Ngoc

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