Parkour und ich

Mit diesem Text möchte ich, Janis Geiger, geboren an Taubheit grenzende Schwerhörig (grobdefiniert Gehörlos / Taub), versuchen meine Erfahrungen zu meiner Persönlichkeitsentwicklung in Verbindung mit Parkour darzustellen. Im Alltagsleben beschäftige ich mich viel mit der Durchsetzung meiner Wege und der Erreichung meiner Ziele trotz ständigen Barrieren in der Kommunikation. Auch die Vorurteile gegenüber “Hörbehinderung“, die ich von vielen Menschen und Institutionen wahrnehme, ganz egal ob in Schule, Ausbildung / Studium, Beruf, Freizeit, Familie, etc. sind immer Teil meines Alltags, was meine Energie und Freude schnell verschlucken kann. Parkour hat mich sehr gestärkt, mit diesen alltäglichen Schwierigkeiten besser umgehen zu können, deshalb möchte ich meine Gedanken gerne an euch weitergeben. Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Es ist eine Wiederfindung der natürlichen, aber inzwischen bei den Menschen fast verloren gegangenen Bewegungsart. Das Ziel bei Parkour ist energiesparend, schnell, sicher, kontrolliert und effizient von A nach B zu gelangen.

Beim Parkour, was ich seit 2008 trainiere, lerne ich Dinge, die ich in mein alltägliches Leben übertragen kann. Es gibt viel, woran ich an mir selbst arbeite und wobei ich versuche mich zu verbessern. Beim Parkour trainiere ich z.B. das Überwinden von Hindernissen wie Mauern, Steine, Geländer. Dies lässt sich auf andere Ebenen übertragen, z.B. auf das Überwinden von mentalen Barrieren oder Hindernissen: Ob Hörschädigung, andere Behinderungen oder nicht, und unabhängig von Geschlecht, Alter, Ethnie, Sprache, Religion, sexueller Orientierung – beim Parkour macht das keinen Unterschied, es herrscht Gleichberechtigung und Konkurrenzfreiheit. Es geht darum, sich auf sich selbst zu konzentrieren, mit sich selbst klarzukommen, ohne sich mit anderen Menschen zu vergleichen. Genauso versuche ich im Alltag zu denken: Grundsätzlich sind wir alle Menschen, doch alle haben unterschiedliche besondere Eigenschaften.

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Nun ist es wichtig, was jeder Mensch aus diesen besonderen Eigenschaften macht und wie er mit ihnen umgeht, ohne sich dabei anderen gegenüber im Nachteil oder Vorteil zu sehen. Bei Parkour lerne ich Vorsicht im Umgang mit der Umgebung, meinen Mitmenschen und mir selber. Das bedeutet Achtsamkeit zu gewahren und mir nicht zu viel zuzutrauen, sondern die Grenzen mit Vorsicht zu übertreten. Beim Training sehe ich auch, dass ich Vertrauen und Respekt zu mir aufbauen kann, indem ich reflektiere und letztendlich weiß, was ich kann und an welchen Stellen ich noch an mir arbeiten möchte. Dies lässt sich auf Mitmenschen und meine Umgebung übertragen: Durch die Auseinandersetzung mit mir selbst lerne ich auch meine Umgebung in vielerlei Hinsicht besser einzuschätzen. Und sobald ich Respekt und Vertrauen zu mir selbst habe, strahle ich diese Eigenschaften auch nach außen aus und kann sie anderen Menschen gegenüber erbringen. Sich persönlich zurück zu nehmen und sich kooperativ zu verhalten, nicht anzugeben, nicht ehrgeizig und rücksichtslos Konkurrenzverhalten zu zeigen, wird beim Parkour als Bescheidenheit definiert. Menschen, die Parkour trainieren, arbeiten an sich selbst, weil sie erfahren, dass es immer mehr zu lernen gibt, ohne sich nach außen präsentieren zu müssen. Durch Parkour gewinne ich Mut in verschiedenen Formen: Zum einen benötige ich natürlich Mut, Hindernisse zu überwinden – also Mut, neues zu versuchen und durchzusetzen und dabei nicht das Ziel vor Augen zu verlieren.

Außerdem lerne ich durch Parkour Mut zu haben, meine Schwächen und Ängste zu sehen, sie zu akzeptieren und sie auch zu zeigen. Anschließend übe ich, an diesen Schwächen zu arbeiten und Ängste zu überwinden. Aufgrund all dieser oben genannten positiven Auswirkungen auf das gesamte Leben möchte ich Menschen dazu ermuntern, Parkour bei einem unserer Angebote auszuprobieren. Denn Parkour ist nicht so, wie viele Menschen es sich vorstellen. Man muss nicht von Grund auf besonders sportlich sein oder schon Erfahrungen in dem Bereich haben. Parkour fängt beim Überwinden eines Hindernisses an, das jeder Mensch für sich selbst als Hindernis definiert. Und dies ist für ALLE Menschen zugänglich. Unsere Arbeitsweise erfolgt in kleinen und individuellen Schritten und wir achten darauf möglichst wenig Risiko entstehen zu lassen, sodass eine höchstmögliche Sicherheit beim Training gewährleistet wird. Außerdem arbeiten wir daran frei von Rollenzuschreibungen und Diskriminierungen miteinander umzugehen, denn wir finden Parkour ist universell und ALLE Menschen sind willkommen. Wir legen auch viel Wert darauf, gemeinsam Ziele zu erreichen; dies beruht auf gegenseitiger Unterstützung und Motivation – entsprechend des Leitgedankens von ParkourONE: ONE for all and all for ONE.
„Être fort pour être utile“ – „Stark sein, um nützlich zu sein“