Parkour ist Kultur – Jetzt machen wir es sichtbar
Ein Festival, eine Begegnung, ein Funke
Es war kein geplanter Moment. Zwischen Beatboxern und Breakdancern, inmitten des Treibens des All41 HipHop Festivals im letzten Jahr in Dresden, entstand ein Gespräch – so wie die besten Gespräche entstehen: zufällig, unvermittelt und mit dem Gefühl, dass es so kommen musste. Antje Reppe arbeitet bei der Beratungs- und Forschungsstelle für Immaterielles Kulturerbe in Sachsen. Und je länger wir redeten, desto klarer wurde, was wir eigentlich schon lange wussten, ohne es je so benannt zu haben.
Parkour ist Immaterielles Kulturerbe.
Dieser Artikel ist der Beginn einer Reise – nicht die Zusammenfassung einer, sondern der erste Schritt auf einem Weg, den wir gemeinsam gehen wollen.
Was wir tragen, ohne es zu benennen
Immateriell. Das Wort klingt nach Abwesenheit, nach dem, was sich nicht anfassen lässt. Und doch beschreibt es genau das, was Parkour im Kern ausmacht: nicht die Wand, nicht der Abstand, nicht der Beton. Sondern das, was zwischen Mensch und Hindernis entsteht. Die Entscheidung. Die Haltung. Das Wissen, das von Traceur:in zu Traceur:in weitergegeben wird – nicht in Büchern, sondern auf Dächern, in Treppenhäusern, auf Schulhöfen, in Parks.
Parkour ist eine Praxis der Gemeinschaft, der Reflexion und der Weitergabe – und damit, in jedem Sinne des Wortes, Kultur.
Seit 2003 fördert die UNESCO durch ihr Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes genau diese Formen lebendiger Alltagskultur: Tanz, Theater, Handwerk, gesellschaftliche Selbstorganisation. 2013 ist Deutschland dem Übereinkommen beigetreten. Seitdem führt ein bundesweites Verzeichnis 168 anerkannte Kulturformen. Sachsen hat darüber hinaus ein eigenes Landesverzeichnis mit 14 regionalspezifischen Einträgen.
168 Formen. Und Parkour ist nicht dabei – noch nicht.
Nicht weil Parkour keine Kultur ist. Sondern weil wir sie noch nicht laut genug benannt haben.
Von Dresden nach Hamburg, von der Community zur Bewerbung
Nach unserem ersten Gespräch folgten weitere. Die Idee wurde konkreter, die Fragen grösser. Und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem Reden nicht mehr reichte.
Ich wollte diesen Schritt nicht für ParkourONE Dresden gehen. Ich wollte ihn für Parkour gehen. Das ist ein Unterschied. Denn Parkour gehört keinem Verein, keiner Marke, keinem Netzwerk allein. Es gehört der Community – in ihrer ganzen Breite, in ihrer ganzen Vielfalt. Also nahm ich Kontakt zum Deutschen Parkour Verband e.V. auf. In Eike Plenter aus Hamburg fand ich einen Kooperationspartner, der Parkour genauso versteht: als etwas, das grösser ist als jede einzelne Organisation.
Und dann begannen die Gespräche. Aufrufe an die Community, sich zu beteiligen. Rückmeldungen aus dem ParkourONE-Netzwerk. Stimmen, Perspektiven, Erfahrungen – von Trainer:innen, Schüler:innen, Trainingspartner:innen, von Menschen, die Parkour gelebt haben, lange bevor es diesen Namen hatte.
Die Bewerbung, die daraus entstanden ist, ist kein Dokument. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt.
Schritt für Schritt ins Licht
Das Verfahren ist mehrstufig, wie alles, was Bestand haben soll. Im Turnus von zwei Jahren können Bewerbungen eingereicht werden – in Sachsen beim Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus. Bereits im letzten Jahr haben wir die Bewerbung eingereicht. Ein erstes Ergebnis gibt es jetzt schon: Der Freistaat Sachsen hat Parkour in die Sächsische Landesliste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen und für das Bundesweite Verzeichnis der UNESCO nominiert. Sächsische Kulturministerin Barbara Klepsch betonte dabei die Bedeutung moderner urbaner Bewegungen als Teil des kulturellen Erbes – gleichwertig neben jahrhundertealtem Handwerk.
Das ist keine Auszeichnung für uns. Es ist eine Anerkennung für das, was Parkour schon immer war. Die Anerkennung auf Bundesebene könnte 2027 kommen.
Bis dahin wollen wir nicht warten, bis alles entschieden ist, um dann rückblickend zu berichten. Wir wollen den Prozess teilen – Stück für Stück, Abschnitt für Abschnitt. Denn die Bewerbung selbst ist schon eine Antwort auf die Frage, warum Parkour Kultur ist. Sie zeigt, wie wir uns bewegen, wie wir lehren, wie wir füreinander eintreten. Wie wir eine Gemeinschaft aufbauen, die über Stadtgrenzen, Vereinsgrenzen, Generationengrenzen hinausreicht.
Im Laufe des nächsten Jahres werden wir alle Inhalte teilen. Nicht als Pressemitteilung. Als Einladung, gemeinsam zu verstehen, warum das, was wir täglich auf den Strassen, in den Turnhallen, auf den Schulhöfen tun, mehr ist als Training. Warum es Erbe ist. Warum es uns alle verbindet.
Der Weg geht weiter. Und er gehört uns allen.
ONE for all – All for ONE
Text von Jonas Jung
Bilder von Pierre Biege
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