Geschäftsführer

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„Wenn es nur ums Geld gehen würde, hätten wir schon längst aufgegeben“, sagt Roger Widmer, ein Mann anfangs Dreißig vis-à-vis von mir. Wir sitzen zu dritt im Büro von ParkourONE, einem kleinen Kellerraum in einem Mehrfamilienhaus.

Als das Hobby noch Hobby war, hätten sie davon leben können, doch sobald sie die Firma gründeten, ging dies nicht mehr. Roger musste nebenbei als Lehrer arbeiten, während sie in den ersten Halbjahren zuerst keinen, dann 300 und schließlich 500 Franken verdienten. Dieser Anfang sei für sie nicht einfach und das Aufgeben manchmal nicht weit entfernt gewesen. Doch Motivationstiefs kommen und gehen auch heute noch. „Die Frage ist wahrscheinlich weniger, ob es diese gibt, sondern eher in welchen Abständen sie auftreten“ erklärt mir Roger schmunzelnd. In der Anfangsphase habe er nach Anlässen, die meist über 100 Prozent von beiden verlangten, große Tiefs gehabt und das Morgen der Firma nicht wirklich gesehen. Doch der springende Punkt an solchen Tiefs sei ihre Freundschaft gewesen. So habe Felix nicht zwingend versucht, ihn aus dem Tief zu holen, sondern ihn auch einfach mal nach Hause geschickt und gesagt, er solle abschalten. „Die Sache ist, dass wir einander zu 100% vertrauen. Auch wenn nun einer von uns beiden einmal über ein halbes Jahr einfach nicht trainieren mag, weiß der andere, er kommt wieder.“ Mit dem Aufgeben sehen es die beiden ähnlich. So merke ich bald, dass das Bild von den zwei erfolgreichen, jungen Männern, die Hülle einer komplexen und vor allem absolut menschlichen Firma ist. Doch auch wenn sie nicht selten ans Aufgeben denken „die Verantwortung, welche wir tragen, ist immens. Wenn wir aufgeben, bedeutet das in direkter Konsequenz auch, dass unsere Leute vom einen auf den anderen Tag auf der Strasse stehen.“ Rein daher, dass sie das ihnen entgegengebrachte Vertrauen nicht missbrauchen wollen, könnten sie nicht aufgeben.

„Fertig bist du nie, du hast aber etwas erreicht, an dem du weiterarbeiten und dich entwickeln kannst.“

„Unsere Tätigkeit beinhaltet insgesamt über zwölf Berufsfelder. Vom Pädagogen, über den Buchhalter, bis zum Geschäftsmann“, so Felix Stöckli. Dies ist auch der Grund, weshalb die Arbeit immer noch spannend ist. Vieles vom Wissen eignen sie sich selbst an, was teilweise den Durchhaltewillen sehr fordert und umständlich ist. Doch für einen Teil können sie auch auf Personen aus der riesigen Community, eine Gemeinschaft von ParkourONE, zurückgreifen, wo hunderte von Berufen vereint sind.

Schließlich spricht Roger genau das an, was mir schon längere Zeit im Kopf herumschwebt. „Für Außenstehende sieht unser Alltag vermutlich nicht mehr nach einer Leidenschaft aus.“ Doch Parkour ist eben nicht nur die sportliche Tätigkeit, vielmehr tritt der mentale Aspekt in allen Lebensbereichen auf. Er bezeichnet es als „Freiheit in der Bewegung, eine gewisse Leichtigkeit im Leben allgemein, aber auch hart zu sich selbst sein, Konsequenzen tragen, durchbeißen bis zu dem Punkt, wo du merkst, jetzt musst du aufhören.“

In der heutigen Zeit wird die Wettbewerbsfähigkeit in allen Lebensbereichen immer wichtiger. Bereits im Kindesalter werden Wettkämpfe ausgefochten und Vergleiche gemacht – wer nicht in die Form passt, ist abnormal. Mit ihrem Geschäftskonzept und ihrer Lebensphilosophie zeigen die beiden, dass es auch anders geht. „Du bist nie der Größte. Es gibt immer mehr Hindernisse die du noch nicht überwunden, Ziele die du noch nicht erreicht hast, als solche, die du schon hinter dir hast. Aus diesem Grund ist Bescheidenheit unglaublich wichtig.“ Doch daraus resultiert auch, dass das Erreichen von Zufriedenheit für die beiden eine große Herausforderung wird.

„Das Ganze ist ein riesiger Prozess, bei dem es sehr wohl Etappenziele gibt, man jedoch nie an einem Ziel ankommt und vor allem nie Gewinner ist.“ 

„Am Morgen gehe ich um halb acht auf den Zug nach Bern“, sagt Felix, der mit seiner Frau in Basel wohnt. „Im Zug arbeite ich, führe Telefonate. Wenn ich dann in Bern bin, haben wir meist eine Sitzung zu zweit, danach arbeite ich am Computer. Erst um halb vier gehe ich wieder aus dem Büro und nach Basel. Dort gebe ich um 18 Uhr das geleitete Training, so dass ich schließlich um 20.30 Uhr wieder zu Hause ankomme.“

Auch wenn dies nach einem gewöhnlichen Tag klingt, sei jeder Tag anders. Sie vergleichen ihre Agenda mit dem Wetterbericht – ein paar Tage im Voraus liefert dieser Prognosen. Welche Wetterlage dann tatsächlich eintrifft, sieht man aber erst am Stichtag. Selten einmal komme es vor, dass sie genau wissen, was sie in einer Woche für Termine und Sitzungen haben. Daher ist Flexibilität enorm wichtig.So erklärt mir Felix mit einem Lächeln im Gesicht, dass es auch Tage gebe, wo er von Zürich über Berlin nach Köln fliege, dort eine Geschäftssitzung habe und am Nachmittag wieder zurück nach Zürich fliege und von dort mit dem Zug nach Basel fahre.

Dass Felix Stöckli heute seinen 28. Geburtstag feiert, erfahre ich erst Mitten im Interview. Auf meine Frage, ob es ihm nichts ausmache, heute zu arbeiten, antwortet mir Roger sofort: „Er muss nicht, sondern er darf heute arbeiten. Das ist eine Ehre!“ Eine erneute Verbildlichung ihrer Bescheidenheit.

So gehen und balancieren die Gründer einer Firma mit Witz und Schalk durch die Welt. Sind dort ernst, wo sie ernst genommen werden müssen und dort Kind, wo sie ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lassen können.

 

Bericht Marlène Brand

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